Fachkräftemangel Bauzulieferindustrie: Es geht um das zukünftige Geschäftsmodell!

Raus aus der Falle: 5 Zukunftsszenarien als Lösungsansatz für die Bauzulieferindustrie

Zum fünften Mal fand das KEYLENS Kompetenzprojekt in der Bauzulieferindustrie statt. Nach Themen wie Pricing, digitale Transformation oder Multi Channel Management ging es in diesem Jahr darum, Erfahrungen, Ansätze und Best Practices zum Thema ‚Fachkräfte­mangel. Raus aus der Falle!‘ auszutauschen und zu vertiefen.

Über einen Zeitraum von sechs Monaten haben Eigentümer, Geschäftsführer und Führungskräfte von 12 Unternehmen aus der Bauzulieferindustrie –  Bauwerk Parkett, Dachdeckereinkauf Ost, Geberit, Siegenia, Solarlux, Triflex, Uzin Utz, Vaillant, Warema, Westag Getalit, Wienerberger –  ihre strategischen Fragestellungen zum Thema Fachkräftemangel diskutiert und Lösungs­ansätze ausgetauscht und weiterentwickelt.

Konsens besteht darin, dass es bei dem Thema Fachkräftemangel um eine Herausforderung für das gesamte Geschäftsmodell der Hersteller geht: Laut dem Statistischen Bundesamt sind zwischen 2010 und 2016 die Betriebe im Bauhauptgewerbe mit mehr als 20 Mitarbeitern um 39% gesunken, der Umsatz dagegen um 43% gestiegen und die Produktivität ist im Zeitraum 2010–2017 auf einem Index bei 101 konstant geblieben (zum Vergleich: ITK 281). Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Hersteller und Großhandel unter den gegebenen Umständen in Kürze auf Grenzen zulaufen werden.

Darüber hinaus wird zukünftig ein Zusammenspiel enormer „tektonischer Kräfte“ aus Politik (z.B. Regulierung), Digitalisierung (z.B. Prozesse, Geschäftsmodelle) oder Gesellschaft (z.B. Werte, Lebenskonzepte) noch spürbarer als heute Einfluss auf Baubranche und Handwerk ausüben.

KEYLENS und die Teilnehmer erwarten deshalb, dass sich die Handwerkerlandschaft weiter fragmentiert und sich inhaltlich neu ordnen wird. Treibende Dimensionen für diese Neuord­nungen werden Gewerk, Spezialisierungsgrad, Betriebsgröße, Mobilitätsgrad, Tätigkeitsfokus oder Arbeitsweise sein. Zu erwarten ist auch, dass sich das Handwerk zunehmend in vertikalen und/oder lateralen Netzwerken organisiert. Sei es mit Spezialisten, gewerkeübergreifend, mit Herstellern, Händlern oder digitalen Intermediären.

Hersteller nutzen aktuell drei Hebel zur Kompensation des Fachkräftemangels

Wie also mit der Fragestellung ‚Fachkräftemangel. Raus aus der Falle!‘ umgehen?
Stand heute setzen die Hersteller auf drei große Hebel: a) vorhandene Kapazitäten besser nutzen, b) sich von der Kapazität der Fachhandwerker unabhängig machen und c) mehr Kapazität im Handwerk schaffen.

Vorhandene Kapazitäten besser ausnutzen (a) beinhaltet im Wesentlichen zwei große Themenfelder: Hersteller bemühen sich, die Vermarktung stärker selbst zu kontrollieren, indem sie eigene Leads generieren, ihre Marke als Endkundenmarke ausbauen und bestehende Handwerkerbeziehungen differenziert umsatz- und ergebniswirksam ausschöpfen. Das Themenfeld ist die Erhöhung der Baustellenproduktivtät. Dazu zählt, dass einzelne Hersteller ihren Grad der Vorfabrikation und Vorkonfektionierung erhöhen, gleichzeitig aber die Standardisierung und Vereinfachung (Stichwort „Plug & Play“) ihrer Produkte vorantreiben, Handwerker digital auf der Baustelle mit bspw. Montagevideos unterstützen oder mit branchenfremden Spezialisten die Logistik an Großbaustellen  optimieren.

Um sich von den vorhandenen Kapazitäten der Fachhandwerker unabhängig zu machen (b), setzen die Hersteller darauf, ihr Vermarktungsnetz engmaschiger zu machen, indem sie die Leadgenerierungs-Prozesse selbst in die Hand nehmen,  neue Vertriebskanäle mit differenzierten Produktsortimenten und Services erschließen oder die Vermarktung an im Bauprozess vorgelagerte Stakeholder verlagern. Mit all diesen selbst kontrollierten Maßnahmen steigt die Unabhängigkeit von eigenen Fachhandwerksbezie­hungen.

Der Hebel ‚Mehr Kapazität im Handwerk schaffen‘ (c) ist für alle Teilnehmer die „Königsdisziplin“, denn für das „Image des Handwerks“ bedarf es vieler Väter, noch viel  mehr Macher und eines ausgesprochenen Marathonwillens. Aktive Verbands- und Lobbyarbeit werden hier betrieben, Ausbildung bzw. Qualifizierung von Flüchtlingen unterstützt oder über Kampagnen das Image des Handwerks bei heranwachsenden Generationen geformt.

Alle Teilnehmer des Kompetenzprojektes bespielen aktuell alle drei Hebel, allerdings mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Wir sehen aber einen deutlichen Fokus bei der „besseren Nutzung vorhandener Fachhandwerkskapazitäten“ (a).

Wo sind die großen Bilder? Was beeinflusst die Bauzulieferindustrie in den nächsten Jahren?

Die zentrale Frage lautet aber für alle: Werden die derzeit praktizierten Hebel und Maßnahmen den langfristigen Erfolg sichern? Tun wir überhaupt die richtigen Dinge? Und was sind über die Einzelmaßnahmen hinweg die großen Bilder, deren es bedarf? Und was ist die Grundlage dafür?

Um diese großen Bilder zu erarbeiten bzw. die Grundlagen dafür zu identifizieren, haben wir über die Gespräche und Interviews sieben Thesen abgeleitet, von denen angenommen wird, dass sie das Marktmodell der Bauzulieferindustrie und die Problematik des Fachkräftemangels in den nächsten Jahren strukturell verändern werden:

  • Hochbau wird sich strukturell verändern
    Trennung von Neubau und Renovierung sowie eine weitgehende Aufhebung der Gewerketrennung werden neue Geschäftsmodelle hervorbringen. Zugänge zu Verarbeitern werden neu gestaltet. Trotz dieser Veränderung entspannt die Entwicklung den Fachkräfteengpass. Durch Automatisierung und Standardisierung kommt das Neubausegment mit weniger und weniger qualifizierten Arbeitskräften in Produktion und auf der Baustelle aus.
  • Machtgefüge im Buying Center verschiebt sich
    Endkunden erstarken, Handwerker verlieren ihre Kaufentscheidungsmacht.
    Das Hauptaugenmerk der Vermarktung verlagert sich auf die Protagonisten der Vorphase. Die „Wachstumsbremse“ würde sich inhaltlich verlagern.
  • Führungsrolle im Handwerkerzugang ist offen
    Hersteller oder Handel? Wer positioniert sich schnell intelligent und gewinnt die Schlüsselrolle im Zugang zu Verarbeitern (und Endkunden)? Für den „Verlierer“ verschärft sich die „Wachstumsbremse Verarbeiter“.
  • Digitalisierung entspannt traditionelles Handwerk
    Digitalisierung kreiert zusätzliche Ressourcen und entspannt perspektivisch den Engpassfaktor Verarbeiter, erfordert jedoch geeignete Produkte, Prozesse und Protagonisten bei Industrie und Handel.
  • Digitalisierung treibt den „Gewerke-Darwinismus“
    Der Trend zu einer Spaltung der Handwerkerschaft in Primär- und Sekundärgewerke übt einen zusätzlichen Druck auf die „Wachstumsbremse Verarbeiter“ aus.
  • Digitale Geschäftsmodelle potenzieren Engpass
    Digitale Geschäftsmodelle hebeln bestehende Beziehungen und Strukturen aus. Diese neuen Geschäftsmodelle buhlen ebenso um Marktteilnehmer. Für Hersteller potenziert sich damit der Verarbeiterengpass.
  • Der gläserne Handwerker ist heute schon Pflicht
    Kenne deinen Kunden – in Gänze. Qualitativ und quantitativ. Ohne dieses Wissen
    werden alle ergriffenen Maßnahmen gegen die „Wachstumsbremse Verarbeiter“ scheitern.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungsperspektiven wird klar: Fachkapazitäten besser ausnutzen, sich von ihnen unabhängig machen oder neue schaffen wird alleine nicht ausreichen. Es bedarf eines gesamthaften Blicks auf die Veränderung der strategischen Eckpfeiler der Baubranche. Es geht im Kern um das zukünftige Geschäftsmodell der Hersteller.

Was also tun, wenn man angesichts dieser vielen Trends und Entwicklungen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht?

Wachstumsbremse Verarbeiter? Raus aus der Falle! Fünf Zukunftsszenarien.

Zurücktreten und eine andere Perspektive einnehmen. Wir haben deshalb aus den drei branchentreibenden Fragen „Wohin entwickeln sich Kundenbedürfnisse und Produkte?“, „Wohin entwickeln sich Produktion und Technologie?“ sowie „Wohin entwickelt sich der Markt – Macht und Entscheidungsstrukturen?“ fünf Zukunftsszenarien abgeleitet:

  1. Productivity Boost
    Befreiungsschlag für Produktion und Verarbeitung: Vorfabrikation und
    On-Site-Production sorgen für drastischen Produktivitätsanstieg. Lean Construction und Cloud-basierte, agile Projektsteuerung vor, auf und nach der Baustelle. Voll- und Teilautomatisierung von Prozessschritten auf der Baustelle (wg. BIM, digitale Bau-/
    Immobilien-Management-Plattformen). Rückläufiger Bedarf an Anzahl und Qualifikation der Arbeitskräfte. Neue Berufe wie bspw. Fertighausbauer.
  2. Innovation Dynamic
    Eine für den Endkunden begeisternde neue Welt des Bauens und Renovierens entsteht. Wohnen schlägt Auto! Leitzielgruppe Millennials! Neue digitale Möglich­keiten der Steuerung von Bauprozess und Immobilie (Smart Home). Technologienahe Primärgewerke gewinnen ggü. Sekundärgewerken an Bedeutung – bis hin zu Integration? Höchste Erfüllung von Erwartungen an Energieeffizienz, Nachhaltigkeit
    (Treiber: Energie-Politik). Völlig neue Materialien, Formen, Verarbeitungsmethoden, Lösungen wie z.B. Solar-Ziegel oder Fassaden.
  3. Retail Raising
    Viele Hersteller vs. wenige Händler. Eigenmarke schlägt Herstellermarke. 2 Kräfte:
    Stationäre Heros (insb. DIY/Baumärkte/GH) und AMAZONisierung! Handel kapitalisiert seinen Customer Access zu Handwerk und Endkunde. Und überlegene Kompetenz in Smart-Data-Gewinnung, Predictive Analysis, Kundensegmentierung, Sortimentsaussteuerung sowie Pricing. Handel zieht sich die Art der Handwerker heran, die er braucht („Lohnschrauber“) und übernimmt die Weiterbildung der Handwerker (z.B. Ausbildung, Nachwuchsförderung).
  4. Industry Vertical
    360°-Lösungen und eng gesteuerte vertikale Wertschöpfungsketten der Hersteller. Vertikalisierung als zentraler Treiber von Veränderung. Hersteller bauen massiv Customer Access/Kundenzugang und damit auch ein herstellereigenes und professionelles Lead-Management. Hersteller werden auf breiter Basis endkundenzentriert, indem sie eigene Vertriebs- und Handelsstrukturen aufbauen. Aus Kundenbindungsprogrammen werden vertragliche Vertriebssysteme analog Automobilindustrie, z.B. Filialisierungs-/Franchisekonzepte.
  5. Market Split
    Kleinteilig, hoch individuell und in der Umsetzung von traditionellem Handwerk geprägt. Schafft Raum für das Entstehen von hoch individuellen Kundenlösungen – mit wachsenden Margenpotenzialen. Hoch preissensitiv und transparent. Mass Standardisation/Vorfabrikation, Lean Constr., geringeres Qualifikationsniveau auf Baustelle benötigt: Industriearbeit + Montagekapazität. Digital aufgestellte end-to-end arbeitende Intermediäre etablieren sich (z.B. Homebell). Bedeutet Polarisierung von Sanierung/Renovierung in „traditionelles Handwerk und digitale Geschäftsmodelle“.

Unabhängig davon, ob die Szenarien richtig, umfassend, vollständig oder überschneidungsfrei sind: Sie zeigen, dass die drei Hebel Fachkapazitäten besser ausnutzen, sich von ihnen unabhängig machen oder neue schaffen kurzfristig richtige Ansätze sein mögen, mittelfristig aber zu kurz springen.

Für die Hersteller bedarf es einer umfassenden und intensiven Auseinandersetzung damit, in welche Richtungen sich ihr Marktsegment entwickeln wird und welche strategischen Optionen sich dabei für sie bieten. Es bedarf tragfähiger Szenarien und großer, plakativer Bilder, wie sie zukünftig ihre Marktbearbeitung gestalten wollen, welche Kernkompetenzen sie dabei aufbauen müssen und welche Rolle die anderen Markt-Protagonisten, d.h. Großhandel, Fachhandel, Architekten und eben auch Verarbeiter, spielen werden. Aus KEYLENS-Sicht lässt sich nur so der Weg raus der Falle „Wachstumsbremse Verarbeiter“ finden.

Was ist Ihre Meinung dazu? Kontaktieren Sie uns und treten Sie mit uns in den Dialog.

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