KEYLENS Studie: Das Gespenst FINTECH und seine reale Gefahr für Österreichs Banken

Mag. Wolfgang Wainig, Thomas Urban, MA

Kein Tag vergeht, an dem nicht das klassische Gespenst der FINTECHS durch die Bankenbranche wandelt. Die einhellige Meinung ist: Schon in kurzer Zeit werden die klassischen Technologie-Start-ups die Banken ablösen. KEYLENS unterzog diese Meinung einem Realitätscheck mit Hilfe einer Studie unter 2.400 österreichischen Bankkunden. Die Ergebnisse zeigen ein realistisches Bild:

  • 96 % der Bankkunden können es sich NICHT vorstellen, ihr Geld einem Fintech oder anderen Anbietern zu geben
  • Auch bei reinen Direktbanken sind die Kunden skeptisch und sagen zu 81 % NEIN
  • Sogar bei klassischen ausländischen Banken sagen die Kunden zu 70 % NEIN

Die Kompetenzen der Branchen sind aktuell abgesichert

Die Teilnehmer wurden gefragt, wo und bei welcher Art von Anbietern sie eines der sechs klassischen Produkte kaufen würden Zahlungsverkehr, Kreditkarte, Finanzierungsprodukte, Sparen, Veranlagung und Vorsorge.

Sie konnten auf folgender Skala antworten:

  1. nur bei klassischen inländischen Banken
  2. auch bei klassischen ausländischen Banken
    und allen vorherigen Unternehmen
  3. auch bei reinen Onlinebanken und
    allen vorherigen Unternehmen
  4. auch bei Internet-/Technologiefirmen (z. B. PayPal, Apple, Google etc.)
    und allen vorherigen Unternehmen
  5. auch bei ganz anderen Unternehmen (z. B. Verbände wie ÖAMTC, Händler wie Spar, Billa etc.)
    und allen vorherigen Unternehmen

Über Geschlechts-, Alters- und Bildungsgrenzen hinweg gibt es keine wesentlichen Unterschiede: Die österreichischen Bankkundinnen und -kunden sind sehr konservativ. Und bevorzugen in überwältigendem Maße die Dienste von Banken und vor allem sogar klassischer inländischer Banken.

Diese vermeintlich konservative Einstellung zeigt sich auch in anderen aktuellen Studien, wie der von Market, aber auch den Reaktionen von Daten- und Konsumentenschützern bei der Einführung von NFC Bankomatkarten.

Die zweite gute Nachricht: Bankkunden sind Wechselmuffel

Die Teilnehmer der Studie wurden gefragt, wie oft sie in den letzten fünf Jahren das Girokonto gewechselt haben. Dies ist ein guter Indikator dafür, wie wechselbereit sie sind. Schlussendlich sind an das Girokonto viele Dinge geknüpft, vor allem SEPA-Mandate, also die klassischen Lastschriften sowie der Gehaltseingang.

80 % der Bankkundinnen und Bankkunden haben in den letzten fünf Jahren das Gehaltskonto nicht gewechselt. Kunden bleiben also in aller Regel bei ihrer Bank.

Natürlich heißt das nicht, dass Kunden nicht bereit sind, weitere Banken parallel in Anspruch zu nehmen, aber am klassischen Gehaltskonto hängt mehr. Die meisten Banken verlangen für Finanzierungen, dass das Gehaltskonto zu ihnen verlegt wird. Die Wechselbereitschaft der Hausbank kann somit gut an die Wechselhäufigkeit des Gehaltskontos gebunden werden.

Conclusio Die Kompetenzen der Banken sind derzeit gut abgesichert, aber darauf ist kein Verlass.

Es gibt auch gute Nachrichten für die Bankenbranche, was in der jetzigen Zeit, die geprägt ist von schwierigen Marktbedingungen, gesellschaftlicher Schelte und überbordender Regulierung, wertvoll und angebracht ist.

Österreichs Bankkunden sind skeptisch gegenüber branchenfremden Anbietern und die Hemmschwelle, Neues auszuprobieren bzw. ein Risiko einzugehen, ist bei Geld wesentlich höher als sonst. Dies zeigt sich vor allem in der Nutzung des bestehenden Angebotes. Reine Direktbanken kommen in Österreich, bis auf die etablierte easybank, nur auf sehr geringe Marktanteile im unteren einstelligen Prozentbereich. Und die easybank war immer stark mit der BAWAG verbunden und wird somit weniger als reine Direktbank wahrgenommen. Neuere Zahlungsverkehrslösungen, die zum Beispiel PayPal mit PayPal.Me bietet, rangieren unter der Wahrnehmungsgrenze. Gleichzeitig haben Bankkunden nur eine geringe Wechselbereitschaft und bleiben ihrer Bank treu.

Die Branche hat aktuell nicht mit den Bedrohungen zu kämpfen, die andere klassische Branchen vor allem den Handel in den letzten Jahren im Übermaß traf.

Ausruhen ist natürlich der falsche Rückschluss.

Das waren die guten Nachrichten. Allerdings hat jede Marktforschung, vor allem wenn es um die Einschätzung der Zukunft geht, ihre Grenzen. Keiner hätte das iPad mit Hilfe klassischer Marktforschung vorhersagen können, aber Geldprodukte sind naturgemäß mit konservativerem Verhalten verbunden. Disruptive Innovationen haben es aber an sich, dass sie überraschend, schnell und intensiv auftreten. Der Erste, der es schafft, ein echtes Wollen beim Konsumenten zu erzeugen, wird gewinnen. Aktuell mangelt es an einem echten Wollen und darin liegt auch der Grund für die fehlende Wechselbereitschaft. Weniger die Überzeugung für die eigene Bank lässt den Kunden bleiben, vielmehr der Mangel an differenzierten, attraktiven Alternativen.

Ein nüchternder Blick auf die Daten zeigt eine einfache, aber für die Banken gefährliche Strategie auf: Ein großer IT-Anbieter müsste eine oder mehrere etablierte Banken aufkaufen, und unter dem Dach der vertrauten Marke könnten die entsprechenden Innovationen sehr schnell umgesetzt werden.

Das heißt nicht, dass das morgen passiert oder realistisch ist, aber es zeigt, dass man sich nicht ausruhen darf.

Studiendaten:

Ende April wurden österreichweit 2.400 zufällig ausgewählte Teilnehmer mit Hilfe einer Online-Umfrage von KEYLENS befragt. Die Stichprobe war nur hinsichtlich Alter und Geschlecht geschichtet, um die österreichische Bevölkerung möglichst genau abzubilden.

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